Langeweile
Rast an der Autobahn
Ebla, Teil 2
Rituale
Ebla, das untergegangene Königreich
Das Jahr 2020
Schreiben und Lesen
Auswandern
Was wäre wenn
Ein guter Freund in Frankfurt
Zum ersten Mal (Text vom 16.04.) 
Anna (Hausaufgabe zum 16.04.)
Gedicht vom 2.04.

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Langeweile

Langeweile

„Guten Tag, mein Name ist Augustina und ich bin Gefühlsdompteuse. weiter...

Sicher können Sie sich wenig darunter vorstellen.“ Sie steht mitten im Gang und wendet sich mit ihrer Rede an alle. Mit einem lauten Plopp schließt sich hinter ihr die automatische Tür.
„Ich wurde extra ausgebildet um Ihnen den Aufenthalt hier im gestrandeten ICE so leerreich(wohlgemerkt mit Doppel-e) wie möglich zu gestalten.“ Sie geht mehrere Schritte den Gang entlang, um sich einen Überblick über die Fahrgäste zu verschaffen. Mäßig besetzt, stellt sie fest. Das müsste zu schaffen sein.
„Sie haben jetzt nur Zeit für sich. Lassen Sie sich fallen und genießen Sie die Stunden. Ja es werden Stunden sein, die Sie im Müßiggang verbringen dürfen! Lassen Sie nicht zu, dass diese Zeit Ihnen durch die Finger rinnt, ohne dass Sie sich langweilen. Es ist wie mit dem Sand am Strand, der warm durch Ihre Hand rieselt. Sind die kleinen Körnchen erst einmal verschwunden würden sie noch mehr Zeit vergeuden, wenn Sie danach suchen wollten.“
Augustina tritt zu einem schlanken Mann im Anzug. Seinen prägnanten Schädel zieren nur wenige Haare.
„Stellen Sie sich vor, Sie seien der Stängel einer Löwenzahnblüte. Der Wind hat alle Samen mit den ausgebreiteten Schirmen in die Welt hinaus geweht. Nur Sie stehen noch kahl herum, langweilig, unnütz, zu nichts mehr zu gebrauchen. Da stellt sich doch mal die Frage: Muss alles nützlich sein, einen Zweck erfüllen?“ Ihr gestreckter Zeigefinger schnellt mehrmals vor und kommt dem Gesicht des Mannes bedrohlich nahe.
„So wie Sie, mit diesem kahlen Löwenzahnkopf, das kann doch auch ganz schön sein. Wer Schönheit fühlt, strahlt Schönheit aus, auch wenn sie nicht für jeden erkennbar ist.“ Sie wiegt ihren Kopf langsam hin und her. „Also könnte man schlussfolgern, wem langweilig ist, der überträgt sie auch auf seine Mitmenschen.“ Augustina erhebt ihren Zeigefinger, um ihn im geeigneten Moment nach vorn schnellen zu lassen.
„Sie dort in Grau, mit Ihrer säuerlichen Mine. Was machen Sie mit Langeweile?“ Der Zeigefinger hat sein Ziel gefunden.
„Ich protestiere auf das Energischste gegen diese Unterstellung! Mir ist nicht langweilig! Ich bin wütend!“ Er springt auf, stampft mehrmals mit dem Fuß. „Ich kann mich da auch immer weiter hineinsteigern, wenn Sie es wollen.“ Er greift mit zwei Fingern, den kleinen hält er abgespreizt, nach seiner Goldrandbrille und schiebt sie nach oben. „Das ist eine Zumutung! Ich habe doch das Ticket nicht teuer bezahlt, um hier in der Gegend herumzustehen und mir Ihre, mit Verlaub blöden Bemerkungen anzuhören!“ Sein Gesicht ist vom Zorn rot angelaufen. Als er sich wieder in seine Ecke setzen will, tritt er der rundlichen Frau neben ihm auf die Füße.
„Aua!“
„Macht nichts!“, murmelt er. Ist es seine Frau?
Sie, anders als er, beobachtet alle Mitreisenden im Großraumwaggon. Ihre flinken blauen Augen huschen interessiert von rechts nach links und wieder zurück. Sie streckt sich, beugt sich vor, ist in ständiger Bewegung. Sie scheint keine Langeweile zu haben, sondern Spaß!
Augustina ist irritiert, das geht so nicht. Wo kämen sie denn hin, wenn verordnete Langeweile auch noch Spaß machen sollte. Im Moment kann sie darauf nicht reagieren, denn das kleine Mädchen im lila Strickkleid, dass auf dem Sitzpolster steht und über die Rückenlehne lugt, beansprucht ihre volle Aufmerksamkeit. Sollte sie der Mutter sagen, dass man nicht auf den Sitzen stehen darf, oder würde es ihre Kompetenzen überschreiten? Augustina folgt dem Blick des Kindes. Dort in der Ecke des Vierertisches lümmelt ein junger Mann halb von einem Mantel verdeckt. Vielleicht versteckt er sich dahinter? Er hat seinen Zeigefinger genüsslich durch den rechten Nasenflügel geschraubt und scheint sein Gehirn zu kitzeln. Selig verklärt blickt er zur Decke.
„Ih gitt, ist das eklig!“, kreischt das Mädchen und lässt sich auf den Sitz plumpsen.
Augustina muss schlucken, ihr hebt sich der Magen. Vor Schreck ist dem jungen Mann der Finger aus der Nase geflutscht. Verschämt wischt er mit ihm über seine Hose.
Nur schnell weg hier. Da beobachtet sie doch lieber das Pärchen ein paar Sitze weiter. Sie können weder die Hände noch die Blicke voneinander lassen. Anscheinend haben sie es noch nicht bemerkt, dass der Zug schon seit geraumer Weile hält.
Augustina überlegt, wie sie die Gefühle der Beiden beeinflussen könnte. Was wurde damals in diesem Seminar geraten? Wie sollte man an diese heikle Sache herangehen? Rhythmisches Klopfen bringt sie aus dem Gedankenfluss. Egal, sollen die doch einfach glücklich sein!
Eine Frau, fast schon an der anderen Tür des Waggons sitzend, trommelt mit ihren Fingern Stakkato auf der Armlehne. Zusätzlich rollt sie mit den Augen, atmet schwer und hält mit der anderen Hand ihr Smartphone über dem Kopf. Sie schwingt es hin und her und beobachtet es genervt.
Das ist Langeweile pur, ohne irgendwelche Fisimatenten. Soll sie ihr sagen, dass hier ein größeres Funkloch ist und ihre Bemühungen gerade mal als Gymnastik-Versuch gelten können? Hier kann sie anknüpfen, stellt Augustina begeistert fest. Kann forschen und eine Studien erstellen. Sie darf dieser Frau nur nicht die Langeweile vertreiben, das wäre fatal und überhaupt nicht professionell. Dann würde sie niemals zur Obergefühlsdompteuse ernannt werden und ihre Idee beweisen können, dass Langeweile durchaus zur Kreativität führen kann.

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Rast an der Autobahn

Der Junge steht neben der roten Plastikschüssel und sieht dem ankommenden Bus entgegen. Er kennt den Fahrer, flüchtig, so wie er alle Busfahrer kennt, weiter...

die ihre Fahrgäste hierher bringen. Es ist aufregend diesen Bus zu sehen und sich vorzustellen wie viele hungrige und durstige Menschen darin sitzen werden. Ob sie eher großzügig oder geizig sind? Er hofft auf ein bisschen Backschisch, dass seinen kargen Lohn aufbessern und ein Lächeln auf das Gesicht der Mutter zaubern würde.
Die Frau mit den hellen Haaren fällt ihm schon auf, als sie die Stufen des Busses herunter geht. Sie ist so anders, etwas größer vielleicht, er kann sich nicht erklären wie sie in diesen Bus kommt. Der Mann daneben, redet in einer fremden Sprache mit ihr.
Das ist also ausländisch! Ahmed, der neben ihnen wohnt, lernt das in der Schule.
Jetzt zeigt die Frau auf die Fenster …
Na ja, die sind eben dreckig. Oh, er hat vergessen die Federn und das andere Zeug wegzuräumen. Da summen jetzt die Fliegen, aber die Hühnchen liegen schon auf dem Grill.
Die Frau verzieht ihren Mund.
„Das solltest du doch wegräumen!“ Die Hand des Chefs klatscht an seinen Kopf. Er spürt den Schmerz und sieht gleichzeitig die erstaunt aufgerissenen Augen der Frau, die sich mit Mitleid füllen. Er wendet sich seiner Schüssel zu. Nimmt in jede Hand ein benutztes Glas, wedelt sie in kleinen Kreisen durch das Wasser und stülpt sie zum Trocknen auf ein Tablett. Er braucht kein Mitleid. Das war gar nicht schlimm. Er verdient Geld für die Familie, er ist schon fast erwachsen. „Hehe, tobt hier nicht herum!“, ruft er den umher rennenden, fast gleichaltrigen Kindern der Reisenden zu. Sie scheren sich nicht um ihn und seine Wichtigkeit, scheinen einfach Spaß zu haben.
Feine Sandkörner werden durch die offenen Türen und Fenster herein geweht und bleiben an den noch feuchten Gläsern kleben. Soll er die jetzt noch einmal spülen? Das Wasser ist schon trüb. Wenn er es jetzt wechselt bekommt er Ärger mit dem Chef.
Sein Mund verzieht sich zu einem Lächeln. Dieser Mann versucht mit einem Papiertaschentuch die Tischplatte zu säubern. Der hat ja keine Ahnung! So was macht die Frau vom Chef alle paar Tage mal, aber richtig mit der Bürste und nicht so.
„Mach deine Arbeit, träum hier nicht rum!“ Kopfnuss vom Chef, der zu den Gästen geht um die Bestellungen aufzunehmen. Er hatte ihn gar nicht gesehen. Er bohrt ihm seinen Blick in den Rücken und hofft bald groß und vor allem stark zu sein …
Schadenfroh bemerkt der Junge, wie sein Chef mit verkniffenem Gesicht am Tisch von dieser Frau steht. Sie schüttelt den Kopf, wedelt abwehrend mit den Händen und sagt etwas, dass er nicht zu verstehen scheint.
„Wenn ihr mit meinem Bus weiterfahren wollt, solltet ihr schnell was bestellen und euch beim essen beeilen!“ Das ist eine Ansage vom Busfahrer der dem Chef zu Hilfe kommt.
Am Grill zischt es. Fett tropft in die Glut. Die Hühnchen duften verführerisch. Der Magen des Jungen knurrt. Ob er später … vielleicht Reste …
Er ergreift das Tablett und den rußgeschwärzten Teekessel und geht damit von Tisch zu Tisch. Er dachte sich schon, dass die Beiden keinen Tee wollen, aber sie haben ihre Lektion gelernt. Er soll ihnen Saft bringen. Bon Jous, den in den dreieckigen Tüten, den man mit dem Trinkhalm schlürft. Köstlich süß …
Aus einer zusammen geknautschten Hülle zieht er die Trinkhalme.
„Nein bringe uns bitte Halme aus einer geschlossenen Packung!“ Der hat wirklich bitte gesagt und wedelt außerdem mit einem Fünf-Lira-Schein herum. Das ist ein Argument. Schnell ergreift der Junge den Schein und lässt ihn in den Tiefen seiner Hosentasche verschwinden. Ein suchender Blick zum Chef. Puh, gut gegangen, der hat das nicht gemerkt.
Als er mit den Trinkhalmen zurück an den Tisch kommt, schälen die Beiden hartgekochte Eier.
Häh? Und zuckersüßen Saft dazu? Ausländer in Filmen sind anders!
Der ganze Raum ist mit dem Duft der Grillhühnchen gefüllt, schmatzend nagen die Gäste an den Knochen …
Der Junge streichelt den Schein in seiner Tasche.

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Ebla – 2. Teil

Am Firmament glitzerten unzählige Sterne. Wenn Miriam die Augen etwas zukniff sah es aus, als würden sie sich bewegen. Größer werden, verlöschen, neu entstehen. Ahmed war selbst schuld, weiter...

dass er dieses Schauspiel nicht mit ihr teilen konnte. Immer gab es Meetings, Sitzungen oder Arbeitsessen, die ihn daran hinderten die Zeit mit ihr zu verbringen. Sie kuschelte sich tiefer in den großen Sessel und zog die Wolldecke, die ihr der Kellner gebracht hatte, bis zum Kinn. Auf dem Tisch neben ihr lag das Handy. Ob sie doch kurz die Kinder anrufen sollte? Nein. Sie wollte nicht wissen wie sie den Tag verbracht hatten und wer sich mit wem über irgend etwas gestritten hatte. Das hier war ihre Zeit, Auszeit, schwer erkämpft. Die Kinder waren bei ihrer Schwiegermutter gut aufgehoben. Miriams Verhältnis zu ihr war nicht so gut, aber für die Kinder konnte sie sich keine bessere Großmutter wünschen.

Sie wollte jetzt nur an sich denken.

Waren es Gedanken, wenn man die Sterne betrachtete und plötzlich lange Vergangenes  aus dem Sternenstaub zu erkennen und deuten vermochte?

Urku ritt schon den dritten Tag nach Osten. Er hatte sich nur wenige kurze Rasten gegönnt. Die Gedanken an Inla und Idris trieben ihn immer wieder an und der Schlaf floh ihn. Unter einer hohen Platane hielt er inne. Vor ihm erstreckte sich saftiges Grün bis zu einem nahen Hügel. Urku beschloss im Schatten des Baumes zu ruhen und sein Pferd grasen zu lassen. Er wunderte sich, dass es ihm nicht gehorchen wollte und weiter die Anhöhe hinauf trabte. Plötzlich musste er seine Augen zukneifen, grelles Licht blendete ihn. Doch das Licht kam nicht von oben, sondern in der Tiefe vor ihm war ein Gleißen und Glänzen, das in ständiger Bewegung schien. Das Pferd schnaubte und blähte die Nüstern.

So hatte der Vater vor langen Jahren das Meer beschrieben.  Doch Urku war sich sicher nach Osten und nicht in die Richtung des großen Wassers geritten zu sein. Er vermochte sich gut an den Sternen und den Zeichen der Landschaft zu orientieren. Was hatte dies vor ihm zu bedeuten? Da erinnerte er sich der Worte seines Herrn, immer nach Osten, dann über den Euphrat … Das musste der Fluss sein. So gigantisch hatte er ihn sich nicht vorgestellt. Er stieg ab und führte sein Pferd den Abhang hinab, Geröll löste sich unter ihren Schritten, Dornen zerkratzten die Haut. Er bemerkte es nicht, nahm nur den Fluss in sich auf. Er schaute der Strömung zu, atmete den leicht modrigen Duft des Wassers und trank davon. Begierig nahm er von allem Besitz, um nichts zu vergessen. Er würde seiner Frau und seinem Sohn davon künden.

Das andere Ufer war mehrere Steinwürfe entfernt. Er musste durch das Wasser schreiten. Er band dem Pferd sein Gepäck auf dem Rücken fest, wickelte sich die Zügel um das Handgelenk und zog es mit sich. Es weigerte sich, aber Urku ging immer weiter und schließlich folgte ihm das Pferd. Das Wasser reichte ihm schon bis an die Hüften und die Füße fanden kaum Halt. Plötzlich trat er ins Leere, das Wasser schlug über seinem Kopf zusammen. Er wollte schreien. Wasser füllte seinen Mund. Undurchdringliche Schlieren vor seinen Augen. Ein Zerren an seinem Arm, ein stechender Schmerz in seiner Schulter. Er öffnete die Augen, sah nicht mehr die aufgewühlte braune Brühe, sondern sein Pferd, dass dem Ufer zustrebte und ihn immer weiter aus dem Wasser zog. Erst auf dem Geröll blieb es mit zitternden Flanken stehen. Urku blieb liegen. Er besaß keine Kraft mehr, löste nur mit großer Mühe die Zügel von seiner Hand. Ihm war kalt. Wolken verdeckten die Sonne, schoben sich immer mehr ineinander wurden dunkler. Wind kam auf, jagte das Wasser in Wellen vor sich her. Der Fluss ächzte und stöhnte. Der Himmel antwortete mit lautem Donner, öffnete seine Schleusen und ließ den Wassermassen freien Lauf.

Urku schleppte sich den Hang hinauf. Ein entwurzelter Baum hatte eine kleine Höhle hinterlassen, in die er sich schmiegte. Er drückte die Tasche mit den Tafeln hinter sich, sie waren wichtiger als sein Leben. Das Pferd stand vor ihm und hielt die Regenmassen ab. Im Licht der Blitze versuchte er den Herrscher des Himmels und den Herrscher des Flusses zu besänftigen. Er hatte gefrevelt. Er hatte sich angemaßt diesen Fluss zu durchschreiten. Demütig neigte er sein Haupt. Vor seinem Auge erschien Inla, Schmerzen entstellten ihr schönes Gesicht.

„Miriam, wach auf! Du träumst. Lass uns ins Zimmer gehen.“ Ahmed rüttelte sie sanft an der Schulter. „Was ist nur los mit dir? Du bist einfach eingeschlafen. So kenne ich dich gar nicht.“

Noch traumverfangen stützte sich Miriam auf den Arm ihres Mannes. Sie sank in die weißen Laken des großen Bettes und schaute ihrem Mann zu, wie er da stand mit offenem Hemd und mit der Fernbedienung von einem Kanal zum anderen zappte.

Leise klopfte ihre Hand einladend neben sich. Ahmed bemerkte es nicht. Er hatte endlich die Nachrichten gefunden. Im Gaza-Streifen schlugen Raketen ein. Menschen schrien, flüchteten …

Inla begrüßte wie an jedem Morgen die Sonne im Osten mit einem Lächeln. Die rechte Hand im Rücken half ihr gerade zu gehen. Ein schneidender Schmerz ließ sie in die Knie sinken. Ein kleines Mädchen blieb neugierig neben ihr stehen. „Hol die Mutter!“, stöhnte Inla.

Kinderfüße entfernten sich schnell und wirbelten dabei Staub auf.

Wieder dieser Schmerz, als würde man sie zweiteilen. Sie stopfte sich ihre Hand in den Mund um nicht zu schreien. Eine undefinierbare Flüssigkeit rann ihre Beine hinab. Sie presste sie zusammen. Die wenigen Schritte bis zu ihrer Hütte erschienen ihr unendlich lang. Sie schaffte es nicht. Wieder kauerte sie, vor Schmerzen fast von Sinnen, auf der Erde. Langsam kroch sie weiter. Sie bemerkte nicht, dass ihre Knie schon bluteten.

„Inla, Kind!“ Endlich die Mutter. Alles wird gut.

Nach Stunden lag sie noch immer auf dem einfachen Lager in ihrer Hütte, fiebrig im Schmerz. Tanten, Nachbarn, es schien ihr, alle Frauen des Ortes wären um sie versammelt. Ihre Hände auf Inlas Leib, zwischen ihren Schenkeln, in ihr drin …

Sie röchelte nur noch, als endlich Idris die Erde mit einem lauten Schrei begrüßte. Es war vollbracht.

Miriam lag quer im Doppelbett. Ahmed versuchte sie zur Seite zu schieben. „Rück doch nur ein kleines bisschen. Leg dich richtig hin.“ Miriam hörte ihn, aber sie bewegte sich nicht. Durch den schmalen Spalt ihrer Wimpern erhaschte sie eine Bewegung. Er stopfte sich das Kissen in die Halsbeuge, legte den Arm um ihre Hüfte und lag quer mit ihr im Bett. Miriam lächelte.

Urku schlug die Augen auf und wollte sich aufsetzen. Ein jäher Schmerz durchschnitt ihn. Er tastete nach der Tasche und fand sie nicht. Unter ihm raschelte das Stroh eines sauberen Lagers. Wo war er? Hatten ihn die Mächtigen für seinen Frevel bestraft?

„Ich glaube er ist erwacht.“

Urku konnte den Sprecher im Halbdunkel des Raumes nicht erkennen.

„Trinke!“ Eine Hand hielt ihm eine Schale an die Lippen. Bitterkeit rann in seinen Mund. „Er wird genesen!“ Die Stimme entfernte sich.

Inla winkte ihm aus der Ferne.

Urku schlug die Augen auf. Staubkörner tanzten im Strahl des Lichtes, dass durch die offene Tür eindrang. Vorsichtig versuchte er sich zu bewegen. Seine Glieder gehorchten ihm nicht, aber er hatte auch keine Schmerzen. Mit Mühe drehte er seinen Kopf um den Raum zu erkunden. Er bemerkte neben sich einen jungen Mann, der ihn sofort stützte, aufrichtete und gegen die Wand lehnte.

„Wer bist du und wo bin ich?“ Urku wusste nicht, ob der andere ihn verstand.

„Du bist Gast des Gütigen, der die Pflanzen versteht und sie zum Nutzen aller anwendet und ich bin ein Schüler.“

Er erhob sich. „Ich werde dem Gütigen kundtun, dass du genesen bist.“

Urku hörte die Worte, verstand ihren Sinn, aber er begriff die Zusammenhänge nicht.

Ein hagerer Mann trat durch das Licht der Tür in den Raum. Seine Haut war wettergegerbt von dunkler Tönung. Sein Gesicht weiß umrahmt, das Haar floss ihm bis auf die Schultern. Seine Augen blickten ihn fest an, als wolle er in sein Innerstes schauen.

„Ich heiße dich willkommen. Du bist seit über zwei Monden mein Gast und ich glaubte schon dich an die dunklen Mächte zu verlieren. Meine Schüler fanden dich nach dem großen Sturm, beim Holzsammeln am Ufer. Wir nannten dich Findling.“

„Man ruft mich Urku. Ich stehe tief in deiner Schuld und werde dir dienen.“ Urku senkte ehrerbietig sein Haupt.

„Ich brauche keine Diener, aber wenn du von mir lernen willst, was uns die Pflanzen zu geben vermögen darfst du dich in die Schar einreihen.“ Der Gütige zeigte mit großer Geste auf die hinter ihm im Halbkreis Stehenden. „Bist du deshalb gekommen?“

„Es betrübt mich, dir zu gestehen, noch nie von dir gehört zu haben. Doch das soll deinen Ruf nicht schmälern. Ich bin noch jung und unwissend und habe einen langen Weg hinter mir.“ Er stockte. „Mein Herr schickte mich mit einem Auftrag auf die Reise.“ Urku blickte sich suchend um. „Wurden mein Pferd und das Gepäck auch gerettet?“

„Dein Pferd ist bei unserem üppigen Gras rund und träge geworden. Bringt ihm sein Bündel!“ Der jüngste Schüler legte die Sachen vor Urku ab. Die Tasche war schmutzverkrustet, sie war lange nicht geöffnet worden.

„Ich möchte dir etwas zeigen, aber mein Leben hängt davon ab.“

Eine Handbewegung des Gütigen und alle Schüler verließen den Raum. Vorsichtig nahm Urku die Tafeln aus der Tasche. Sie fühlten sich anders an, da sie der Feuchtigkeit ausgesetzt waren, aber die Zeichen waren noch gut erkennbar.

„Du hast dich zum zweiten Mal in meine Hand begeben. Das erste Mal unbeabsichtigt, aber dieses Mal ist es dein Wille.“ Die Fingerkuppen des Gütigen tasteten über die Zeichen, wurden zur zarten Hand Inlas als er fragte: „Kannst du die Zeichen deuten?“ Urku schüttelte traurig den Kopf.

„Reite nicht weiter. Der König von Mari hat sich mit den Feinden eures Reiches verbündet.“

„Woher bekamst du diese Erkenntnis?“

„Wir haben Mari verlassen, denn dort ist man auf Kampf versessen.“ Der Gütige schaute ihn prüfend an. „Zwei Tage sollst du dich noch erholen und deinem Pferd Gehorsam lehren. Dann reitest du zurück, entbietest deinem Herrn den Gruß und sagst ihm er möge sein Reich wehrfest machen und sein Volk beschützen. Ich werde dir eine neue Tafel mitgeben, die deinen Worten Glauben verleihen wird.“

Urku sinkt vor ihm auf die Knie, will seine Füße umfassen, doch der Gütige zieht ihn empor. „Eile, du hast keine Zeit zu vergeuden!“

Urku wurde von seinem Pferd mit lautem Wiehern begrüßt. Es gehorchte ihm auf jedes Zeichen. Bevor es Nacht wurde versammelte der Gütige seine Schüler und bat Urku von seinem Land zu berichten. Alle hingen an seinen Lippen, wollten kein Wort verpassen. Er fühlte sich großartig.

„Ich werde morgen schon reiten, wenn du es erlaubst, oh Gütiger.“

„Wir werden dich im Morgengrauen auf den Weg führen den du kennst.“

Am morgen füllte der Gütige eine gelbe Flüssigkeit in den Lederschlauch. „Das wird dich unterwegs stärken.“ Er gab ihm eine neue Tafel. „Die wird dich bei deiner Rückkehr schützen.“ Dann reichte er ihm einen schmalen Stein, auf dem Zeichen geritzt waren. „Den bewahre gut auf und hüte ihn. Wenn dein Sohn fünf Sommer gesehen hat schicke ihn zu mir. Der Stein soll das Zeichen sein. Ich werde ihn lehren und zu einem Nachfolger machen.“

„Ich weiß überhaupt nicht was mit dir los ist. Meist schläfst du. Außerdem interessierst du dich nicht mehr für das was ich tue. Jetzt guckst du sogar angeekelt auf das Frühstück.“ Sein Blick war besorgt und tat Miriam wohl. Sie hatte es selbst bemerkt, dass etwas nicht mit ihr stimmte. Ihre Träume beeinflussten sie stark. Immer wieder sagte sie sich, das sind Träume – nicht Wahrheit! „Siehst du, das meine ich. Du bist mit den Gedanken ganz woanders, antwortest nicht einmal.“

„Entschuldige“, murmelte Miriam.

„Ich möchte mir um dich keine Sorgen machen müssen. Es ist im Ministerium schon schlimm genug.“ Ahmed seufzte. Jetzt hatte Miriam ein richtig schlechtes Gewissen.

„Laufen die Verhandlungen nicht gut? Du hattest dich doch sehr gründlich darauf vorbereitet.“

„Ach was, dieser korrupte Haufen! Die schanzen sich die Aufträge doch gegenseitig zu!“ Er legte sich die Hand vor den Mund und blickte sich erschrocken um. Auch Miriam vergewisserte sich, dass niemand seine Worte gehört hatte. Es war nur noch eine Familie im Raum, sie saßen einige Tische entfernt, unterhielten sich laut und lachten. Miriam ergriff seine Hand. „Lass uns spazieren gehen!“

„Ich weiß etwas Besseres. Ich nehme heute frei und wir fahren ans Meer. Über die Berge sind wir in knappen zwei Stunden in Latakia. Wir können einen Strandspaziergang machen und auch Ugerit besuchen. Dort wurde das älteste in Stein geritzte Alphabet in Keilschrift gefunden. Das interessiert dich doch?“

Miriam lächelte. Das war ihr Mann! Wo er auch war, immer wollte er mal schnell woanders hin. Warum nicht ein paar Stunden Autofahrt für einen Strandspaziergang? Ugerit klang spannend für sie.

Ganz anders als in Ebla, fand Miriam keinen Zugang zu dieser schon vor vielen Jahrzehnten ausgegrabenen Stadt. Gras wuchs zwischen den glattgewaschenen Steinen der Prunkstraße. Die Mauern der Gebäude reichten ihr manchmal bis zur Hüfte. Aus einer Spalte wuchs wilder Thymian, Kamille duftete.

„Komm wir gehen noch schnell in das Museum das Alphabet anschauen.“ Miriam zog den erstaunten Ahmed hinter sich her. Eine Tafel verkündete, dass es geschlossen war. Gründe waren nicht angegeben. Von einem Mann, der eine Bank reparierte erfuhren sie, dass dieses Exponat mit der Keilschrift nicht hier ausgestellt würde, sondern im Nationalmuseum in Damaskus.

Sie fuhren weiter zum Strand, einfach so. Nicht an diese luxuriösen Badestrände mit aufgeschüttetem hellen Sand, sondern dort wo der Strand steinig war, voll mit Basaltgeröll, Überresten vergangener Vulkanerruptionen. Wo man ohne Badeschuhe nicht ins Wasser konnte, wo die Angler schweigend auf den Buhnen saßen, die Fischer ihre Kähne mit dem Morgenfang ans Ufer zogen.

„Wenn ich da nicht mitmache, mich dagegen stelle, dann machen sie mich fertig wie schon andere vor mir.“ Ahmed redete sich alles von der Seele. Hier hörten ihn nur Miriam, die Möwen und das Meer.

„Ich würde ja sagen, gib den Job auf, aber was willst du dann machen. Sie werden dich nie in Ruhe lassen!“ Miriam trat dicht an ihn heran und umarmte ihn. Ahmed hielt sie ganz fest. „Ich werde es wie die drei Affen machen. Nichts sehen, nichts hören und vor allen Dingen nichts sagen.“ Seine Stimme ist dicht an ihrem Ohr.

„Das wird schwer für dich“, flüstert sie an seiner Brust.

„Danke, dass du mir zugehört hast. Jetzt ist mir leichter.“ Wie um es ihr zu beweisen, lief er los und zog sie mit sich. Ein Fischer grillte seinen Fang auf Stöcken über Holzkohle zwischen aufgeschichteten Steinen und bot ihnen davon an. Daneben hockte eine Frau vor einem Tannour(wie ein umgedrehter Wok, darunter ist eine Feuerstelle) und buk Fladenbrot. Ahmed verhandelte mit ihnen. Miriam verspürte Hunger, gleichzeitig war da ein Würgereiz wenn sie nur an Essen dachte …

Jetzt wusste Miriam woran sie war. Das war nicht geplant, nicht jetzt und nicht später. Aber wie sagte der Volksmund? Wo drei Kinder satt wurden konnte man auch das vierte ernähren. Ihr Sohn würde einen Bruder bekommen. Eigentlich schön.

 

Aber sie würde ihren Sohn nicht Idris nennen!

 

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Rituale

Ich hatte mir angewöhnt, weiter...

jeden Morgen mir den Kaffee zu machen und mich an den Schreibtisch, manchmal auch den Küchentisch zu setzen und Morgenseiten zu schreiben. Ganz wirr, was mir so durch den Kopf ging. Manchmal war etwas verwertbares dabei und mit der Zeit wurden diese Seiten immer kreativer. Sie machten etwas mit mir und meinem Schreiben. Oft hörte ich nicht nach 15 Minuten auf sondern es wurde viel länger. Nicht immer zuträglich wenn man verheiratet ist.

Ich möchte gern wieder damit anfangen, da müsste ich mich aber von einer anderen Angewohnheit lösen.
Das Corona-Ritual hat sich ganz unbemerkt bei mir eingeschlichen. Als es mir bewusst wurde konnte ich schon nicht mehr anders.
Jeden Morgen, zuerst die Toilette(muss sein) und dann den Laptop aufklappen, anschalten – zur Kaffeemaschine, zurück zum Laptop – Seite anklicken – Kaffee holen und dann die aktuellen Fallzahlen Deutschland und Berlin anschauen. Meist gibt es noch einige Kolumnen oder Reportagen, die suggerieren, dass man es gelesen haben muss JA UND DANN BIN ICH AM TIEFPUNKT
Da hilft nur noch lüften, die zweite Tasse Kaffee und mal gucken was sich bei Whats App so getan hat.
Es macht mir Angst, es befriedigt mich nicht, ich habe das Gefühl meine Zeit zu vergeuden und kann es trotzdem nicht lassen. Ich habe es schon ein paar Mal zu ignorieren versucht, aber Fehlanzeige. Nach dem nur mal kurz gucken wollen war ich wieder voll gefangen… Bemühungen werden fortgesetzt!!!!!!!!
In Syrien hatte ich eine andere Angewohnheit, die mich auch stark belastet hat. Mit Beginn der Unruhen und bürgerkriegsartigen Zustände konnte ich mich erst beruhigen, wenn ich wusste, dass alle wieder daheim sind.
Zuerst kam die Tochter von der Arbeit und holte ihre Kinder bei mir ab. Danach kam mein Mann. Der Schwiegersohn musste länger arbeiten. Dann waren da noch die Kinder meines Schwagers(Bruder meines Mannes) – Studenten. Das Mädchen kam relativ zeitig nach Hause, aber die jungen Männer, da hatte ich meine Probleme und ich fühlte mich verantwortlich, denn die Eltern arbeiteten in Abu Dhabi. Falls das Telefon funktionierte sprachen wir auch noch mit der Schwiegermutter im Dorf.
Nach dem wir in Deutschland in Sicherheit waren, dauerte es noch eine geraume Zeit bis ich das ablegen konnte. Ein übergebliebenes Relikt aus dieser Zeit sind tägliche Anrufe oder wenigstens Nachrichten von unseren drei Kindern.

Als ich das Thema sah, dachte ich so etwas habe ich nicht!
Je mehr ich nachdenke und auch durch eure Anregungen, fällt mir immer mehr ein.
Auch in diesem Jahr quoll der Wäschekorb und noch eine große Tüte schier über mit ungewaschener Wäsche. In diesem Jahr trafen wir uns einzeln. Zuerst mit der Tochter und ihrer Familie dann mit dem Sohn und danach noch mit Freunden. Das heißt es gab sehr viel Tischdecken, Handtücher usw.
Mein Mann konnte diesen Berg kaum noch sehen, also stellte ich alles in den kleinen Raum in dem mein Schreibtisch steht. Ich war stolz auf mich, dieses Chaos zu ertragen. Dafür gibt es eine Vorgeschichte.
Ich war zwischen den Jahren 1973 und 1974 hochschwanger. Ja, ich war jung und hatte keine Ahnung. Ich wusch die Babywäsche, Erstausstattung und was ich von Freundinnen und meiner Schwester geliehen bekam. Trommelwaschmaschine und die Schleuder wart kaputt, dass hieß auswringen. Ich war danach fix und fertig und freute mich doch an den kleinen Teilen, die sich im Wind bewegten.
Meine Mutter kam, riss die Wäsche von der Leine und machte mir Vorhaltungen, dass doch jede Dumme wüsste zwischen den Jahren wird keine Wäsche gewaschen!
Ich wollte wissen warum. Dann stirbt jemand in der Familie, war die Antwort und ihr Gesicht war auf einmal ganz grau.
Mein Vater starb am 31.Dezember und unsere Tochter wurde am 1. Januar geboren. Seitdem frage ich mich warum es auf dieser Welt keinen Platz für beide gab.

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Ebla, das untergegangene Königreich –
oder Schriften, die man nicht entziffern kann

Miriam saß neben Ahmed, weiter...

ihrem Mann, im Auto. Die Übelkeit, die bei der Überquerung des Gebirges spontan aufgetreten war, klang langsam ab. Ob sie sich irgendwann daran gewöhnen würde, die Fahrt durch die gewundenen Straßen mit den tiefen Schluchten daneben und die steilen Abfahrten, die meist mit hohem Tempo genommen wurden, zu genießen? Die hügelige Landschaft neben ihr war bis zum Horizont grün angehaucht. Ein fingerbreiter grauer Strich trennte in der Ferne das Grün vom strahlend blauen Himmel, an dem nur vereinzelt weiße Schäfchen weideten. Sie atmete immer noch bewusst, zählte in Gedanken beim Ein- und Ausatmen.
„Sieh mal, dort ist Ebla!“ Der ausgestreckte Zeigefinger ihres Mannes fuhr dicht an ihrer Nase vorbei.
„Ebla, was?“ Sie kannte nur die Zigarettenmarke, die so unheimlich stank.
„Na die Ausgrabungsstätte von der alten Königsstadt. Wir haben doch erst neulich einen Bericht darüber gesehen.“
„Ja stimmt, ich erinnere mich!“ Sie reckte ihren Hals. „Aber es ist doch gar nichts zu sehen. Wo ist die Stadt?“
„Sagt dir das Wort Ausgrabung etwas?“
„Schon klar, in der Erde natürlich und nicht obendrauf.“ Schmollend verzog sie ihre Mundwinkel und drehte sich zur Seite. Sie fuhren an den ersten Häusern von Idlib (Provinzhauptstadt in der Nähe von Aleppo) vorbei.
„Ist unser Hotel noch weit?“ Die Blase drückte nach fast vier Stunden Fahrt.
„Außerhalb der Stadt, dort oben sieh mal!“
Sie blickte in die andere Richtung. Na klar, oben wo sonst? Immer der Höhenangst zum Trotz!
„Wir werden eine herrliche Aussicht haben!“
Sie nickte nur stumm, es war eh nicht mehr zu ändern. Nach weiteren fünfzehn Minuten war das Hotel erreicht.
„Gehen Sie ruhig schon auf ihr Zimmer, die Formalitäten können wir später erledigen.“ Freundlich lächelnd reichte der Rezeptionist ihrem Mann den Schlüssel. „Der Boy zeigt ihnen den Weg.“ Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht, sein strenger Blick traf den schlaksigen Jungen, der mit dem Gepäck bereit stand und ein Zucken seines Kopfes ließ den etwa sechzehnjährigen zum Fahrstuhl trotten.
Das Zimmer war groß und mit dunklen schweren Möbeln ausgestattet. Während Ahmed umständlich nach einem Trinkgeld suchte, trat Miriam ans Fenster und musste sich das Lachen verkneifen. Vor ihr zog sich ein bewaldeter Hang empor. Tolle Aussicht!
Das Bad, war geräumig. Im Sitzen sah sie sich um. Die Wanne zog sie in ihren Bann. Heute Abend, nahm sie sich vor und ihr Blick liebkoste das Glas mit den Badeperlen.
„Beeile dich, wir müssen gleich los!“ Ahmeds Stimme übertönte das Rauschen der Spülung.
„Ich hänge nur schnell meine Kleider in den Schrank, damit sie nicht zerknautschen.“
„Nein lass das. Ich habe schon ein anderes Zimmer für uns besorgt. Sie werden in unserer Abwesenheit das Gepäck dort hinbringen.“ Die steile Falte zwischen seinen Brauen stand auf Sturm.
Miriam zog schnell eine leichte Jacke aus dem Koffer und wechselte die Schuhe. Er mochte ihre Ballerinas nicht, deshalb zog sie die Riemchensandalen mit dem Keilabsatz an. Ahmed stand schon an der Tür und trommelte mit den Fingern dagegen. Miriam ignorierte es und nahm sich die Zeit ihre Haare zu bürsten. Für sie war es Urlaub, wenn er von einer Sitzung zur nächsten musste, damit hatte sie nichts zu tun. Als sie sich die Lippen nachzog hörte das Trommeln auf. Mit einem Lächeln wollte sie zu ihm gehen und bemerkte erstaunt die offene Tür.
„Nun komm schon!“ Ahmed winkte vom Fahrstuhl. „Die Frau eines hiesigen Kollegen wird sich um dich kümmern. Wir treffen uns dann nach dem Meeting zum Essen.“ Er nahm sie am Ellenbogen und zog sie an der Rezeption vorbei.
„Ich kenne diese Frau doch gar nicht, was soll ich mit ihr anfangen?“
„Schau dir die Stadt an, geh shoppen, geh ins Museum! Mach einfach was dir Spaß macht, aber ich habe keine Zeit mehr für Diskussionen.“

Miriam stand seit geraumer Zeit vor der Glasvitrine und konnte sich nicht von deren Inhalt losreißen. Jasmin, ihre Begleiterin, die auch Um Hassan(Mutter des Hassan) genannt wurde, wollte sie weiterziehen.
„Noch nicht, warte!“ Miriam zuckte zurück. Die Tontafeln mit der Keilschrift, die sie nicht entziffern konnte, übten eine große Faszination auf sie aus. Archäologie, dass war ihr Studienwunsch gewesen, seit sie als Kind die alten Tonscherben im römischen Theater fand.
„Das ist nichts für ein Mädchen!“, war die lakonische Antwort ihres Vaters.
„Geh auf das Lehrerinnen-Seminar wie deine Kusinen, die sind angesehen und verdienen gut.“ So tönte die Mutter.
„Archäologie studieren doch nur die Loser, die nichts anderes bekommen!“ Freundinnen und Verwandte vertraten diese Meinung.
Sie tat, was man von ihr erwartete und trotzdem würde sie jetzt gern diese Schrift lesen können. Sie erspüren gleich der Blindenschrift, wenn sie mit den Fingerkuppen darüber fuhr. Sie hob die Hand, stellte sich vor durch das Glas zu greifen …
„Wir müssen uns beeilen, wenn wir es noch rechtzeitig ins Restaurant schaffen wollen. Schau, mein Mann sendet eine Nachricht nach der anderen.“
Miriam ließ sich mitziehen. „Aber morgen kommen wir wieder hierher. Bitte.“ Sie passte sich dem schnellen Schritt ihrer Begleiterin an.
„Ich weiß etwas Besseres!“ Jasmin lächelte sie an. „Morgen fahren wir zur Ausgrabungsstätte!“
Miriam musste stehenbleiben und tief durchatmen, um ihr nicht einfach um den Hals zu fallen. „Das ist die allerbeste Idee!“ Auf einmal spürte sie, dass sie sehr hungrig war. „Ich hätte jetzt großen Appetit auf Gegrilltes.“ Sie hakte sich bei Jasmin ein.

„Dort steht dein Pferd. Reite auf geradem Weg zum Schatzmeister des Königreiches Mari. Wenn sie nicht geben können, was wir brauchen, wirst du weiter reiten immer nach Osten, bis nach Babylon und dort im Namen des Königs von Ebla vorsprechen.“
Urku kniete vor seinem Herrn im Staub und wagte nicht den Blick zu heben.
„Die Tafeln sind geheim und wichtiger als dein Leben. Gib sie niemals aus der Hand!“ Der Herr berührte ihn an der Schulter. „Lass dir Proviant geben und reite sofort los!“
Nachdem sich der Herr entfernt hatte, erhob sich Urku. Er tat wie ihm befohlen. Er hing sich die Ledertasche um und ließ sich genügend Proviant geben. Bis zum Stadttor führte er sein Pferd am Zügel. Aus einer Nische schimmerte ein blaues Gewand. „Inla!“ Mit wenigen Schritten war Urku bei seiner Frau. Sie waren erst sechs Monde vermählt und sie trug schon sein Kind.
„Komm!“ Inla zog ihn zu ihrem bescheidenen Heim, dass sich im Schatten der Mauer duckte. Erst dort schlang sie ihre Arme um ihn. „Geh nicht fort. Bitte! Oder lass mich mit dir ziehen. Ich möchte immer bei dir sein.“
„Ach Inla, du weißt, dass es nicht geht.“ Er seufzte und legte seine Hand auf ihren Bauch. Ihre warmen Tränen tropften darauf.
„Habe keine Angst ich bin bald zurück.“
Inla hängte ihm ein Amulett aus Leder, in dem eine Haarsträhne von ihr verborgen war, um den Hals. „Das wird dich beschützen und gesund zu mir zurück bringen. Sie schluckte tapfer an ihren Tränen. „Wohin wirst du reiten?“
„Immer nach Osten, über den Euphrat ins Königreich Mari.“ Von der vielleicht noch weiteren Reise erwähnte er nichts.
„Ich weiß nicht wo das ist, aber im Osten geht die Sonne auf, dahin werde ich dich jeden Tag grüßen. Aber sag, was ist in dieser Tasche?“ Inla wurde neugierig.
„Beschriebene Tontafeln, aber die darfst du nicht sehen.“
„Bitte!“ Inla verlegte sich aufs Flehen.
„Na gut, aber du darfst es keinem erzählen. Sie werden mich sonst töten.“ Seine Hand zuckte noch mehrmals zurück bevor er die Tasche öffnete und eine in grobes Leinen geschlagene Tafel herausnahm. Beide betrachteten staunend die Muster.
„Weißt du was das bedeutet?“ Inla strich ehrfürchtig mit den Fingerkuppen über den Ton.
„Nein, das weiß ich nicht. Aber gib her!“ Urku verstaute die Tafel sorgfältig in der Tasche.
„Versprich mir, dass unser Sohn das einmal kann!“ Sie stand ganz gerade, ihren Bauch etwas vorgeschoben und strich mit beiden Händen darüber.
„Er soll es können. Er soll der Beste sein!“ Urku meinte es ernst. „Falls ich noch nicht zurück sein sollte, wenn unser Sohn die Erde betritt, rufe ihn Idris, auf diesen Namen wird er hören.“
Sie umarmten sich stumm zum Abschied und spürten dabei eine Bewegung des Sohnes.
„Es muss sein. Ich werde jeden Abend in den Sonnenuntergang blicken und dich und Idris grüßen.“ Urku drehte sich schwerfällig um und ging zu seinem Pferd.
„Ich werde jeden Morgen die aufgehende Sonne und dich grüßen bis du wieder hier bist.“ Inla ging mit ein paar Schritten Abstand hinter ihm bis zum Tor. Urku schwang sich auf sein Pferd und galoppierte, ohne sich noch einmal umzublicken den Hügel hinab. Inla schaute ihm nach bis er zwischen den Bäumen des Waldes verschwand.

Bevor Miriam am nächsten Morgen die Augen aufschlug, wusste sie schon dass es kein normaler Traum war. So träumte man nicht, das war eine Botschaft der Tafeln.
„Geht es dir nicht gut? Du hast so unruhig geschlafen und wirres Zeug gemurmelt.“ Ahmed schien ehrlich besorgt zu sein.
„Alles in Ordnung. Ich kann mich an gar nichts erinnern.“ Das war ihr Traum. Sie wollte ihn nicht teilen.
Beim Frühstück schaute Miriam ständig auf die Uhr. „Was ist nur los mit dir? Wir haben noch viel Zeit.“ Ahmed lehnte sich entspannt zurück und schlürfte schon den zweiten Mokka. „Wirklich gut!“ Er schnalzte mit der Zunge.
Leise trat der Kellner an den Tisch. „Abu Hassan und Um Hassan warten an der Rezeption.“
Miriam sprang sofort auf und stieß dabei heftig gegen den Tisch. Die schmale Vase mit der Rose fiel um und das Wasser ergoss sich über die nicht ganz geleerte Käseplatte.
„Oh Entschuldigung.“ Miriam wurde rot. Sie rieb sich verstohlen das Knie.
„Also irgend etwas stimmt mit dir heute nicht.“ Ahmed schüttelte den Kopf.
„Wir wollen nach Ebla und ich will nicht zu spät kommen.“ Miriam lachte über ihre eigenen Worte. „Ein vor über dreitausend Jahren zerstörtes Königreich, und ich will nicht zu spät kommen.“ Ahmed stimmte in das Lachen ein.

Enttäuschung, riesige Enttäuschung war alles, was Miriam feststellen konnte als sie aus dem Auto stiegen. Jasmin hatte sich solche Mühe gegeben. Eigens einen jungen Mann bestellt, der ihnen alles erklären sollte. Miriam sah nur Sand, hellen und dunkleren und Löcher quadratisch oder rund. Außerdem trug sie die falschen Schuhe. Die schmalen einfach in den Sand gehauenen Stufen brauchten flache Absätze, wie Jasmin sie trug. Schnell streifte Miriam ihre Sandalen von den Füßen und ging barfuß weiter. Der kühle Sand gab angenehm unter ihren Zehen nach. Es ging ungefähr zwei Meter abwärts. Der junge Mann erklärte schon.
„Prunkstraße, Nebenstraße, Kanalisation, also Frischwasser und Brauchwasser …“
Miriam musste sich vergewissern. „Das kann nicht stimmen. Das gibt es nicht mal heute in jedem Ort!“
Er schaute sie völlig aus dem Konzept gebracht an. „Das mit dem Abwasser meine ich.“
„Es ist so wie ich sagte. Diese Rinne ist der Beweis.“ Er zeigte auf eine gepflasterte Mulde neben der Straße. „Sie führte zum Osttor und bewässerte die Felder draußen.“
„Osttor?“ Miriams Interesse war geweckt. Drei Stunden dauerte die Führung noch und sie ließ sich kein Wort entgehen. Die Sonne brannte schon vom Himmel. Jasmin zog sich ihr Kopftuch immer weiter ins Gesicht, um ihre Haut zu schützen. Miriam schüttelte nur ihre dunklen Haare und hob die Strähnen im Nacken etwas an. Sie verband ihren Traum immer öfter mit dem was sie sah.
„Können wir noch zum Osttor?“
„Das ist noch nicht freigelegt. Aber dort die Erhebung.“ Er zeigte auf den eines Limes ähnlichen Erdwalles. „Dort müsste das Tor gewesen sein.“
Mühsam kletterten sie nach oben. Die Schuhe in Miriams Hand störten, aber sie brauchte sie noch. Der Blick war fantastisch. Kein Baum, geschweige denn Wald, bis zum Horizont. Die Halbwüste in sattem Grün gekleidet, mit vielen farbigen Punkten der Frühlingsblüher. In der Ferne weidete eine Herde Onyx, eine weiße Antilopenart.
„Von diesem Tor aus zogen also die Reiter mit den Tontafeln, um Nachrichten und Briefe in andere Königreiche zu überbringen.“ Miriam schaute gebannt nach Osten.
„Nein, die Tontafeln hier waren für die Buchführung gedacht. Das hat man aus den Texten entziffert. Es ging um Holz, Getreide und auch um Marmor, den man aus Ägypten bezog.“ Er war stolz auf Ebla und sein Wissen.
Miriam lächelte versonnen.
Sie wusste es besser!

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Das Jahr 2020

neigt sich dem Ende zu. weiter...

Es war kein schönes Jahr. Es war so anders mit seiner Pandemie, die wir bis heute nicht in Worte fassen können. Wir müssen darüber lesen, schreiben auch … Aber was passiert wenn Menschen schreiben, die nichts wissen?
Können wir glauben, was geschrieben steht?
Schon in den Siebzigern hörten wir den Song von Reinhard May „ … weil’s in der Zeitung steht!“ Mein Vater sagte immer, Papier sei geduldig.
Die sozialen Medien noch viel geduldiger, dort darf neben gutem fundierten Wissen auch viel Stuss reingeschrieben werden. Ich möchte nicht falsch verstanden werden, viele Meinungen sind wichtig und es ist auch wichtig sie ernst zu nehmen, auch wenn man sie nicht immer glauben sollte.
Bei den Querdenkern stand vor einiger Zeit eine junge Frau auf dem Podium, die behauptete sich wie Sophie Scholl zu fühlen … Was für eine glorreiche Zeit, in einem freiheitlichen Land in dem jemand, weil er sich unverstanden fühlt, behaupten kann es gehe um Leben oder Tod …
Weihnachten wird in diesem Jahr anders sein. Nicht wegen dem Fest an sich, aber wir haben seit unserer Rückkehr nach Deutschland die letzte Woche des Jahres zur Familienwoche erklärt. Alle kommen zusammen – in diesem Jahr nicht!
Wir werden telefonieren, aneinander denken, uns Briefe schreiben(richtig mit der Post) und wir werden uns auf unsere nächste gemeinsame Zeit, vielleicht im Sommer, freuen.
Ich habe kleine Begebenheiten aus unserem Familienalltag aufgeschrieben und mit der Bitte um eigene Anmerkungen an alle weitergeschickt. Mal sehen ob es funktioniert gemeinsam zu schreiben. Jeder hat eine andere Sicht auf die Dinge und manchmal, wenn wir erzählen, habe ich den Eindruck jeder hätte etwas anderes erlebt.
Seit ich die arte Serie über die Schrift mir angesehen habe, lassen mich meine Erinnerungen nicht mehr los. Die Tafeln mit der Keilschrift, die ich nicht entziffern kann, im Museum von Idlib waren zu faszinierend um sie zu vergessen. Und welche Geschichten könnten dahinter stehen?
Ich weiß es nicht, aber ich habe Phantasie … Hoffentlich kann ich die langen Winterabende noch zum Schreiben nutzen und etwas zu Papier bringen. Denn wenn die Tage wieder länger werden zieht es mich nach draußen. Kopf auslüften – dabei erzähle ich mir zwar selbst Geschichten, aber es ist noch zu kalt um sie draußen gleich aufzuschreiben.
Es ist nun einmal so, ich schwelge in Erinnerungen, aber wenn ich mir mal was schnell merken will …
Besser ist gleich aufschreiben und wissen wo man den Zettel lässt.

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Schreiben und Lesen, welch ein Privileg!

Ich erinnere mich kaum weiter...

welche Worte ich zuerst schreiben konnte. Im Ohr geblieben ist mir das Kratzen des Griffels über die Schiefertafel. Die Enttäuschung, keinen neuen Griffelkasten bekommen zu haben und dann die Freude, dass wir nach einigen Monaten mit Stiften in Hefte schreiben durften. Nur das Quietschen der Kreide auf der Tafel blieb und jagte mir so manche Gänsehaut über die Arme.

Später schrieben wir mit Tinte. Es war schwierig die Tinte in die Füller aufzuziehen, das gab so manchen Fleck und meine Finger waren meist blau.

Ich lese gerade „Das verborgene Wort“ von Ulla Hahn und bin sehr beeindruckt, wie sie es versteht den Leser mitzunehmen in die Kindheit der kleinen Hildegard und ihre ersten Begegnungen mit den Buchstaben und Worten mitempfinden lässt.

Den stärksten Eindruck des geschriebenen Wortes hinterließen die Tontafeln in Keilschrift, die bei den Ausgrabungen der Königsstadt Ebla(Blütezeit 3. Jahrtausend vor Chr.) gefunden wurden. Durch Zufall gut erhalten, denn als die Stadt samt Tempel durch Eroberer niedergebrannt wurde härtete sich der Ton und überdauerte die Jahrtausende. Die Tafeln geben Auskunft über die Handelsbeziehungen des strategisch günstig gelegenen Reiches, zwischen Euphrat und Mittelmeer, und anderen Ländern wie Ägypten, Libanon, Mesopotamien und Afghanistan.

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Auswandern

Das ist für mich weiter...

ein sehr emotionales Thema. Meist möchte ich mich damit nicht beschäftigen. Einmal ausgewandert und nach über dreißig Jahren unfreiwillig zurückgekehrt, das ist keine gute Bilanz.

Der Film über das „Deutsche Auswandererhaus“ hat mich berührt, das würde ich mir gern genauer ansehen.
Vor allem diese Darstellung, so kurz davor, die Überlegung – gehe ich jetzt oder kehre ich um – hat mich nachdenklich gemacht und ich versuche etwas aus meinem Leben zu ergründen.

Die Spanne Wasser zwischen Kai und Schiff, der kurze Gang über die Reling – ein Schritt in eine neue Welt, obwohl man eigentlich noch in der Heimat ist.

Der Flughafen Berlin-Schönefeld. Wir schreiben das Jahr 1980. Wir das sind mein Mann, unsere beiden Mädchen die Große sechs Jahre alt und die Kleine neun Monate und dann noch ich. Der Abflug irgendwann ganz früh am Morgen. Müde nach durchwachter Nacht, die wievielte eigentlich schon? Ich konnte mich nicht erinnern. Mein Mann beschäftigte sich mit den Kindern, ich nahm den Kinderwagen auseinander. Das schicke Teil mit den großen Rädern und den Fenstern an beiden Seiten durfte nicht mit in die Passagierkabine sondern musste in den Frachtraum. Nachdem ich mir den Finger so richtig doll geklemmt hatte(er wurde richtig blau), klappte das Gestell fast von allein zu. Schnell noch zum Schalter für die sperrigen Sachen. Da riefen sie unseren Flug schon wieder auf. Ich hastete zurück. Mein Mann stand mit den Kindern schon an der Sicherheitsschleuse und bedeutete mir, mich zu beeilen. Bei der flüchtigen Personenkontrolle fing die Kleine an zu weinen, so ging es noch schneller. Ein schmaler Gang endete im Transitraum. Verwundert stellte ich fest, dass ich die DDR verlassen hatte, obwohl ich nur in einen anderen Raum gegangen war. Es gab kein zurück.

Die Kleine ließ sich nicht beruhigen. Mein Mann stand mit der Großen am Fenster und zeigte ihr die Flugzeuge im anbrechenden Tag.
„Bitte folgen sie mir!“ Eine Stewardess der Interflug in blauer Uniform führte uns auf abgezeichneten Wegen über das Flugfeld. Wir durften als erste einsteigen und saßen ganz vorn. Nein nicht erste Klasse, aber gleich dahinter.

Mein erster Flug! Die Große hatte Angst und die Kleine weinte immer noch. Fläschchen warm machen ginge erst nach dem Start wurde mir gesagt.
Anschnallen mit dem Baby war gar nicht so einfach. Außerdem hatte ich vergessen wo die Kaugummis waren. Also durchwühlte ich erst einmal die Tasche. Sie waren bei meinem Mann in der Jacke. Das Flugzeug, eine IL irgendwas war vollbesetzt. Das Stimmengewirr erinnerte mich an das Summen eines Bienenstockes. Als eine Stewardess etwas erklärte wurde es ruhiger. Ich bekam nur mit, dass unter unseren Sitzen eine Schwimmweste war. Irgendwie beruhigte mich das. Vor Wasser hatte ich keine Angst, ich konnte gut schwimmen.

Das Gefühl in den Ohren beim Start ließ schnell nach. Ich wollte meinen ersten Flug genießen. Der Großen wurde schlecht, es klappte gerade noch mit der Tüte. Die Kleine hatte die Windel voll, Baumwollwindel wohlgemerkt und eine von den Guten. Wickeltische waren im Flugzeug noch nicht in Mode.
Dann fing die Große an zu heulen, weil sie kein Essen bekam. Ich erinnerte sie an die Tüte, aber sie hatte trotzdem Hunger. Die Stewardess hatte ein Einsehen. Dann gab es unerwartete Turbulenzen und einige hinter mir beteten laut. Ich dachte an die Schwimmweste, doch als ich aus dem Fenster sah und die Berge unter uns betrachtete wäre mir ein Fallschirm lieber gewesen. Ich kann nicht sagen, ob die Zeit schnell verging, vielleicht wie im Fluge?
Kurz vor der Landung meinte so ein Spaßvogel, dass noch nie ein Flugzeug oben geblieben sei. Unruhe ergriff die meisten, nur ich fühlte mich leer, irgendwie hatte ich mir den ersten Schritt in mein Abenteuer anders vorgestellt.


Was wäre wenn

Der Geiger im Turmfenster weiter...

spielt nicht mehr selbstvergessen.

Sein Gesicht ist zur Fratze entstellt. Die Augen sind blutunterlaufen und weit aufgerissen, so blickt er auf die Welt außerhalb seines Turmes. Er ist ein Gefangener, nicht nur durch die dicken Mauern eingegrenzt, sondern auch in seinem Innern festgebunden.

Er sinnt auf Rache, will sich rächen an einem Feind, den er nicht erkennen kann.

Deshalb kratzt er auf der Geige herum, erzeugt schaurige Töne. Er will, dass alle mit ihm leiden. Sogar die Tiere, die unter dem Turm hausen, flüchten, nur ganz entfernt hört man einen Wolf heulen. Mit den Wölfen heulen, nein das will er nicht. Er will ihr Anführer ihr Leitwolf sein. Leiden bringen. Das Leid der Welt vermehren, wenn das überhaupt noch möglich ist.

Es ist möglich, denn schlimmer geht immer …

Um zu erkennen, wieviel Schmerz er anderen zufügen kann, beugt er sich immer weiter aus seinem Turmfenster, dass nicht vergittert ist.

Und wenn er nicht rausgefallen ist, klingen seine schaurigen Töne noch heute wie eine Äsopsharfe durch die Welt …

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Ein guter Freund in Frankfurt

Frankfurt am Main, weiter...

dort waren wir noch nie. Ich freute mich auf die Reise. Freute mich, den alten Schulfreund meines Mannes, nach Jahren wiederzusehen. Er stand abseits in der Bahnhofshalle, schräg und etwas gebeugt, fest auf seinen Stock gestützt. Fast hätten wir ihn nicht erkannt. Die Krankheit hatte seinen Körper gezeichnet, spiegelte sich in seinen Gesichtszügen. Doch dann blitzte in seinen Augen das bekannte Lächeln auf, seine Haltung änderte sich, er schien zu wachsen, als wollte er alles abschütteln, wie früher sein – und wir spielten mit.

Aus dem Auto heraus, zeigte er uns die Stadt. „Morgen sehen wir uns alles genau an.“ Das war sein Versprechen.

Römer, Kaiserdom, Paulskirche – zwischendurch mal ein Eis geschleckt. Wir nahmen Rücksicht, doch er wollte es nicht. Mittags grüne Sosse mit halben Eiern, wir wollten das typisch hessische Gericht. Dann war die Kunsthalle dran und danach eine Bootsfahrt auf dem Main. Der Tag war so vollgestopft mit Eindrücken, wir wollten ihn auf der anderen Uferseite bei einem Glas „Äppelwoi“ ausklingen lassen. Ganz langsam gingen wir über den Eisernen Steg, mit den vielen Liebesschlössern dran. Unter uns strömte das dunkle Wasser und von der anderen Seite war schon die Villa Motzler zu sehen.

Im Städelmuseum waren wir nicht, wir können es auch nicht nachholen, denn der Todestag unseres Freundes jährte sich vor einigen Tagen zum ersten Mal. Ich habe mir einfach vorgestellt, dass er mich bei meinem virtuellen Museumsbesuch begleitet. Zeige ihm das Gemälde, auf dem „Goethe in der römischen Campagna“ abgebildet ist. Diese Weite, die dort zu spüren ist, hat schon immer mein Fernweh beflügelt. Wir wundern uns über die zwei linken Füße, für die es keine schlüssige Erklärung gibt.

Das zweite Bild, dass wir eingehend betrachten ist der „Geiger im Turmfenster“ gemalt von Edward von Steinle. Der junge Mann scheint selbstvergessen nur für sich zu spielen, oder für das Grün, dass sich um den um den Turm herum ausbreitet.

Die ausdrucksstarken Hände des Geigers, erinnern mich an die Hände des Freundes. Der eine musizierte, der andere führte das Skalpell …

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Zum ersten Mal

Eigentlich mag Paula Tiere. weiter...

Jedenfalls im Zoo, auf Abstand. Die Hunde im Fahrstuhl sind nicht so ihre Welt, aber sie reißt sich zusammen, sagt keinen Ton und kriecht immer weiter in die Ecke.

Heute hat Paula ein Problem und das betrifft die alte Frau Wetzel von nebenan. Eigentlich mag sie die Frau Wetzel, die gerne erzählt und dabei viel lacht. Nur heute hatte sie gleich ein ungutes Gefühl.

„Schön, das ich dich treffe.“ Das war nicht die Wahrheit erkannte Paula sofort, Frau Wetzel hatte auf sie gewartet.

„Kannst du nicht mal mit meinem Cäsar rausgehen, der braucht mal frische Luft und ich darf doch nicht raus wegen Corona.“ Bittend schaut Frau Wetzel sie an. Cäsar schiebt seinen angeleinten Kopf hinter der Tür hervor.

Paula kann nicht nein sagen, obwohl ihr Herz im Hals pocht, obwohl es eigentlich in die Hose gerutscht ist. Sie streckt die Hand aus und ergreift die Leine. Der Dackel erscheint in voller Länge. „Hier nimm noch ein paar Tütchen mit, man kann ja nie wissen …“, lacht Frau Wetzel.

Paula wird schlecht, das kann ja heiter werden. Sie versucht Abstand zu halten. Im Fahrstuhl wird es dann eng. Unten angekommen entwickelt das Tier eine ungeahnte Kraft und zerrt sie zur Tür. Dann geht es schnurstracks zum nächsten Baum, an dem sich schon einige feuchte Spuren befinden. Sie überlegt wohin sie mit dem Vieh gehen soll, doch Cäsar weiß was er will und er will seine Routine. Paula muss mit. Jetzt kommt ihr auch noch Max entgegen, er lächelt und sie hängt an Cäsars Leine. Jetzt hockt der sich auch noch so komisch auf die Wiese … Nein! Kacke, wirklich Hundescheiße. Sie holt resigniert ein Tütchen hervor, räumt den Dreck beiseite obwohl sich alles in ihr sträubt, aber Max steht immer noch da.

„Meine Oma hat auch einen Hund. Wollen wir das nächste Mal gemeinsam rausgehen?“

Paula strahlt. „Gerne. Morgen?“

„Gute Idee, ich bin morgen zur selben Zeit hier.“ Max hebt zum Abschied die Hand.

Paula entschwebt mit Cäsar zum Fahrstuhl, vergisst sogar Abstand zu halten.

„Frau Wetzel, ich gehe morgen mit Cäsar wieder raus.“ Lächelnd reicht sie ihr die Leine und findet jetzt das erste Mal mit Hund gar nicht mehr schlimm.

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Anna

Sie hastet die Treppe hinunter, weiter...

wie so oft hat sie sich  verspätet. Die Kinder waren mal wieder nicht wach zu kriegen. Pubertäre Zwillinge am Morgen, das ist nicht immer leicht. Anna lächelt obwohl sie sauer ist. Das nasse Handtuch, es war die Wunderwaffe ihrer Oma, hat auch heute Wirkung gezeigt. Sie fingert den Autoschlüssel aus der Jackentasche, die Rückleuchten des Kleinwagens mit dem Logo des Pflegedienstes blinken.

„Mist, so ein Shit!“ Anna blickt sich um, ob jemand in der Nähe ist und ihren Ausruf gehört hat. Zum Glück nicht. Sie pustet sich den Pony aus dem Gesicht. Nun muss sie doch noch ins Büro, denn sie hat keine Handschuhe mehr. Das bringt ihren Plan durcheinander. Schnell ins Auto, gezielter Griff ins Türfach, mit gespreizten Fingern bändigt sie ihre Haarflut mit dem Gummi. Schon hält sie den Mascara in der Hand, windet sich, um einen Blick in den Spiegel zu erhaschen. Wie bei jedem Blick in den Spiegel ärgert sie sich über ihre blassrote Haarfarbe, die verwaschen aussieht und ihre helle Gesichtshaut mit den Sommersprossen fast durchscheinend wirken lässt. Sie ist so weit, klimpert noch ein paar mal mit den Lidern, ihre grauen Augen strahlen. Beim Ausparken, nimmt sie einem Kleintransporter die Vorfahrt. Sein lautes Hupen lässt ihren Mittelfinger vorschnellen, doch die Hand bleibt unten. Im Büro stehen die Kollegen noch zusammen und tauschen Neuigkeiten aus. Die neuesten Fotos der lieben Kleinen werden auf den Smartphones betrachtet. Anna fühlt sich alt mit ihren dreiunddreißig Jahren, vor allem mit Max und Lena, die in zwei Monaten fünfzehn werden. Ob die Beiden einfach weiterschlafen oder doch lernen? Eine kurze Kontrollvisite schafft sie nicht mehr.

„Habt ihr immer noch keine Masken besorgt?“ Michael übertönt alle. Er nimmt sich zwei Fläschchen zur Handdesinfektion.

„Hey, die sind für uns alle!“

„Jeder kriegt nur eine!“

„Merk dir, dass ist wie mit Nudeln und Klopapier im Supermarkt!“ Alle motzen gleichzeitig rum und verschwinden dann nacheinander.

„Ich müsste dringend zum Friseur.“ Anna pustet in den Pony, der schon bis in die Augen hängt. „Ich brauche Handschuhe, stehen die jetzt woanders?“

„Ich werde noch wahnsinnig, jeder braucht irgendwas das ich nicht habe.“ Die Chefin greift sich an die Schläfen. „Dort hinten im Schrank sind noch welche. Ich muss aufpassen, damit jeder was bekommt.“ Das klingt entschuldigend. „Wenn das so weitergeht, weiß ich nicht wie lange wir noch arbeiten können.“ Die Verzweiflung in der Stimme und im Gesicht springt auf Anna über.

„Wir können die Leute doch nicht im Stich lassen! Was sollen sie ohne uns machen?“ Sie wendet sich zur Tür. „Ich muss los! Bis später!“

„Na Kindchen, wer wollte denn heute nicht aufstehen?“ Herr Jakob blickt sie spöttisch an, er sitzt schon wartend im Bett.
Anna weiß, dass er ein Frühaufsteher ist, deshalb ist er jeden Tag ihr erster Patient.

„Sie wollen ja bloß wieder, dass ich ihnen was erzähle und etwas länger bleibe. Heute geht das nicht.“ Langsam schiebt sie sich mit ihm ins Bad, setzt ihn vor das Waschbecken, er legt Wert auf ein bisschen Intimsphäre. Anna bereitet ihm in der kleinen Küche sein Frühstück, stellt die Tabletten zusammen und trägt alles samt Tageszeitung zum kleinen Tisch am Fenster, seinem „Ausguck ins Leben“, wie er diesen Platz nennt. Noch kurz das Bett aufgeschüttelt und sie ist wieder bei ihm im Bad. „Weißt du noch, wie du das erste Mal zu mir kamst? Ich dachte, die ist so zart, schmal und klein, die packt das nicht. Aber Kindchen, alle Achtung, du kannst zupacken.“

„Meinen sie das jetzt wörtlich?“, Anna hält ihn am Oberarm. „Ich weiß noch, sie haben mir gar nichts zugetraut und nur gemeckert. Ich wollte nie wiederkommen. Und jetzt, sie sind der Einzige, der mich Kindchen nennen darf.“ Sie lächelt ihn an. Wie immer hat sie dieses Gefühl mit ihm über alles reden zu können. Er ist der Opa, der Vater, die sie nie kennengelernt hat. Auch ihre Kinder wachsen ohne Vater auf, schießt es durch ihre Gedanken. Ist das ein ewiger Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gibt? Beziehungsunfähigkeit, in den Genen gespeichert und von Generation zu Generation vererbt? So ein Quatsch, es lag doch nicht an ihr, dass sich Dennis überfordert mit den Zwillingen fühlte und das Weite gesucht hat, bevor sie ein halbes Jahr waren. Bis nach Australien ist er vor ihnen geflohen. Wenigstens meldet er sich jetzt manchmal bei den Beiden und schickt auch Geld, seit er welches hat. Er hat ihnen den Floh ins Ohr gesetzt ihre Sommerferien bei ihm zu verbringen, aber kein Wort über die anstehenden Prüfungen verloren und was davon abhängt. Anna stöhnt laut.

„Nun erzähl schon Kindchen, was bedrückt dich?“

„Es sind diese Prüfungen. Keiner weiß wann sie stattfinden und durch die Schließung der Schulen hängen die Kinder irgendwie in der Luft, haben keine Lust, keinen eigenen Antrieb und ich habe keine Kraft mehr immer nur zu schieben. Ich will doch nur, dass sie es mal besser haben als ich, dass sie die Wahl haben.“ Erschrocken über ihren Monolog hält sie inne. „Verstehen sie mich nicht falsch, ich mache meine Arbeit sehr gern. Nur …“ Sie kämmt ihm die Haare und führt ihn ins Zimmer. „Mensch, ich trau mich kaum das Alter meiner Zwillinge zu nennen, weil mich alle angucken als wäre ich asozial. Ich habe das Abi geschmissen und mich um die Kinder gekümmert. Mama war schon drei Jahre tot und Oma hat mir geholfen wo sie konnte.“

„Du hast ganz viel geleistet. Du hast alles richtig gemacht und deine Kinder sind auch kleine Kämpfer, mach dir nicht zu große Sorgen.“ Die Greisenhand mit den dicken Adern und Altersflecken streichelt über ihren Handschuh. Am liebsten würde sie ihn ausziehen, so sehr sehnt sie sich nach menschlicher Berührung und Trost. Tapfer schluckt sie die aufkommenden Gefühle hinunter und gibt sich betont burschikos: „Dann bis heute Abend und nicht über die Stränge schlagen, ich sehe alles.“ Dabei führt sie zwei Finger an ihre Augen und zeigt dann auf ihn.

Ein Blick auf die Uhr verrät ihr, dass sie wieder zehn Minuten zu lange bei Herrn Jakob war. Egal, er tut ihr gut. Jetzt zu Frau Kampe, Anna schluckt bevor sie die Wohnung betritt. Auf ihren Gruß erhält sie keine Antwort. Sie zieht die Vorhänge auf, öffnet das Fenster.

„Fenster zu, wollen sie, dass ich mir den Tod hole? Was wollen sie so früh schon hier?“ Frau Kampe sitzt am Bettrand und lässt die Füße baumeln. „Nun machen sie schon. Ich habe nicht alle Zeit der Welt.“ Sie schlägt mit der flachen Hand auf das Bett. Anna beeilt sich ihr die Kompressionsstrümpfe anzuziehen und weiß schon vorher, dass sie es nicht richtig machen wird.

„Sie Trampel, sie tun mir weh!“ Die Hand der dicken Frau gräbt sich in Annas Schulter. Es schmerzt, doch sie verzieht keine Miene. Stumm und schnell verrichtet sie ihre Arbeit und atmet auf, als sie wieder draußen ist. Ein Blick auf die Uhr zeigt ihr, dass sie die zehn Minuten wieder aufgeholt hat. So eine Zicke hat also auch Vorteile freut sich Anna. Ob sie doch zu Hause mal nach dem Rechten sieht? Nein lieber nicht, Herr Jakob hat schon recht. Zu viel Strenge und Kontrolle schlägt manchmal ins Gegenteil um.

„Ich habe eine Überraschung für sie!“, ruft Frau Sommer schon, als Anna gerade mal den Flur betreten hat. Sie scheint gewartet zu haben. „Schauen sie mal dort auf dem Sekretär!“ Anna sieht einen bunten Stoffstapel und weiß damit nichts anzufangen. Sie fühlt sich von Frau Sommer gemustert.
„Ist das für mich?“ Anna beginnt zu strahlen.

„Ja, meine Tochter und meine Enkelinnen haben die genäht!“ Stolz und Freude über die gelungene Überraschung schwingen in Frau Sommers Stimme. „Sie waren doch so traurig, dass sie in dieser Zeit keine Gesichtsmasken haben.“

Anna legt sich den Mundschutz an, und umarmt Frau Sommer. „Das ist so eine schöne Überraschung. Danke! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“
„Ihre Freude ist mir Dank genug und ich werde ihn auch an die Näherinnen weiterleiten.“

Ganz beschwingt verrichtet Anna ihre Arbeit, setzt die alte Dame in den Rollstuhl und drückt sie noch einmal bevor sie die Masken in ihrer Tasche verstaut. Mit dem Stück Blumenwiese, dass bestimmt einmal ein Bettlaken war, vor dem Mund geht sie zum Auto und fährt in den Frühlingstag.

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Gedicht

Sein Blick wandert
so traumverloren durch Raum und Zeit.
Ihm ist bange vor der Wirklichkeit
und doch wandert er.

Der Weg ist das Ziel
der sich windet und streckt, wie ein Kinderspiel
ist alles so anders jetzt
und doch wandert er

Nur manchmal innehalten und schauen
sich umsehen, hören was die Anderen sich trauen
geht durch Herz und Verstand
und immer noch wandert er

29 Gedanken zu “Schreibwerkstatt_Christa”

  • Liebe Christa, ich finden den Text wunderbar, so menschlich, so nah. Ich sehe diese junge Frau richtig vor mir und kann gut nachfühlen. Sie spricht Gedanken in sich aus, die sie wieder beiseite legt udn sich dem Alltag widmet. Sie schwingt emotional authentisch mti. Gefällt mir sehr gut.

  • Geiger im Turmfenster. Was wäre wenn er nur die ganze Zeit missverstanden wurde. In seiner Verzweiflung es allen von oben vom Turm heraus schreien will… ja. dein Text etwas schaurig.
    Allerdings nicht das über euer Treffen mit dem alten Bekannten. Was wolltest du eigentlich damit ausdrücken. Heimweh durch den weiten Blick?

  • Oh, Christa, welch menschliches Leid. Und wieviele Menschen spielen so in der Nacht und Dunkelheit!!! sie finden kein Ende….Rausfallen ist auch keins. Hast du wunderbar dargestellt, dieses Leiden an etwas, was man nicht definieren kann.

  • Liebe Chrtista, deine Beschreibungen, deine Erlebnisse berühren mich.
    Ich mag es sehr, wie schreibst.
    Ich kann vorstellen, dass du viel erlebt hast.
    In deiner Geschichte sind Abenteuer, Hoffnung und viel Gefühl verborgen
    und noch viel mehr…

  • So schön geschrieben, und irgendwie so profan mit diesen Alltagsproblemen wie quengelnden Kindern und Übelkeit und dem allgemeinen Stress beim Fliegen. Und kaum jemand um dich herum ahnt, was für ein großer Schritt das für dich/euch war… Es erinnert mich etwas an das Museum, wo zwischen den Betten die Wäscheleinen gespannt waren. Es scheint für mich auch etwas Humor mit durch – als wenn der Alltag einen am Ende doch immer auch in die “neue Welt” begleitet…

  • Liebe Christa, das ist natürlich ein echtes Abenteuer. Für deinen Mann ein Nachhause kommen. Für dich und für die Kinder total aufregend. Fliegen ist was sehr aufregendes. Schwimmwesten und Fallschirme und Kotztüten..Das muss ja wirklich ein irres Gefühl gewesen sein.

  • von Christine: Liebe Christa, ich finde es wunderbar, wie du diesen großen Schritt mit vielen alltäglichen Handlungen belegst. ganz wunderbar. Ich würde gern noch mehr von vorher und danach wissen

  • Liebe Christa. Wenn ich deinen Text lese, so kann ich mich gut in dich hineinfühlen.
    Ich habe gleichfalls Gänsehaut bekommen, als die Kreide auf der Tafel quietschte, unvergesslich.
    Und trotzdem liebe ich es auf der Tafel zu schreiben, noch heute.
    Ich habe zu Hause auch eine Tafel und Kreide und schon bin ich in Gedanken versunken, hin zur Kindheit.

    Und ich sehe auch die vielen Tintenklecks auf dem Löschblatt im Schreibfest. Tinte musste immer dann aufgefüllt werden, wenn es unpassend war.
    Und das Buch, das verborgende Wort, zu lesen, sagt mir zu. Schon der Titel annimiert mich.

    Danke.

  • Liebe Christa, ich versuchte es mir auch erst einmal vorzustellen, wie das ist, mit den Schiefertafeln. Was ich kenne, wenn auch freiwillig, ist das Aufziehen der Kolbenfüller. Habe gerade vor wenigen Tagen einen neuen Füller bekommen, für den ich Konverter statt Patronen benutze. Und habe mir beim Tinteaufziehen so die Finger mit Tinte verschmiert, dass ich tagelang etwas davon hatte. Aber Kugenschreiber machen einfach keinen Spaß… Schöne Bilder.

  • von Christine:
    liebe Christa, die Jahreszahl war wohl anders 2200, aber es ist trotzdem gut, paßt prima. Du hast gleich alle Vorschlagthemen drin. Deine Idee, ein Thema in die Familienrunde zu geben , erscheint verführerisch. Mal sehen, ob es klappt. Darüber werde ich auch mal nachdenken. Überhaupt mehr schreiben
    Ich vergesse zu schnell, also auf schreiben..bestens so, VLG

  • Liebe Christa,
    ich stimme dir zu, Nachrichten entsprechen nicht immer der Wahrheit und Fakten wegzulassen,
    ist auch ein Stück unwahr. Gerade jetzt in der Zeit der Pandemie ist wichtig, richtig informiert
    zu werden. Die Medien haben eine unglaubliche Kraft und dahinter steckt ganz viel Commerz.

    Ich bin ein wenig auf froh, dass das Jahr vorüber geht. Es kann einfach alles nur besser werden.
    Ein indisches Sprichwort heißt, das am Ende alles gut wird….
    Danke für deine Gedanken. Anette

  • Ich kann dich gut verstehen. Leider geht mit dem, was die letzten Jahre zu viel an Weihnachten konsumiert wurde, auch das besinnliche schöne verloren.
    Du hast eine tolle Idee für deine Familie dir ausgedacht.

  • Ebla, das untergegangene Königreich –

    So ein herrlicher Ausflug in das Land von Geschichten aus tausend und einer Nacht. Besonders die Traumerzählung hat mich voll ergriffen. Du bist eine tolle Erzählerin. Bestimmt nicht alles erfunden. Vieles selbst erlebt, oder? Ich wurde durch dich an so einen fernen Ort entführt. Danke dir!

  • beim Lesen deiner Geschichte hätte ich fast den Anfang im Chatt verpasst. Wunderbar. Ich hatte alle Bilder vor meinen Augen, anschaulich und präzise. Auch in der Sprache der Unterschied zwischen den Zeiten. Toll

  • Ich möchte die Geschichte von Urku und seiner Familie weiter hören! Und ich liebe diese Ausgrabungsstätten auch, und die Ideen dazu, wie die Menschen dort gelegt haben. Dass da überhaupt mal Menschen gelebt haben, einen Alltag hatten… Spannend uns wunderschön geschrieben!

  • Das ist schon so eine Sache mit den Ritualen. So etwa mit den guten und den schlechten Gewohnheiten. Mein Vater starb auch zwischen den Jahren. Nur das niemand behaupten würde, dass jemand aus der Familie verbotener Weise Wäsche gewaschen hat. Traurig. Ich kenne das nur so, dass, wenn einer geht auch einer kommt. Bei mir kam meine Enkelin.
    .

  • Liebe Christa. Beim lesen empfand ich viel Traurigkeit weil deine Rituale nicht frei gewählt waren. Ich wünsche dir bald welche die dein Leben schön und hell machen.

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